ALCOVIT 456

 Die Kirschessigfliege in Luxemburg

Matschige Erdbeeren, stinkende Kirschen: Nicht nur die Winzer fürchten die Kirschessigfliege. Ein kurzer Überblick über die Wirtspflanzender Kirschessigfliege: Süßkirsche, Pfirsich, Pflaume, Heidel- und Stachelbeere, Him-, Brom- und Erdbeere, Holunder, Tafeltrauben.

 

Ausbreitung

Die Kirschessigfliege  (KEF) Drosophila suzukiistammt ursprünglich aus Asien und wurde 2009 nach Europa eingeschleppt. Der Schädling breitete sich zunächst nur im Obstbau aus. In Deutschland wurde er erstmals 2011 gesichtet. Seit dieser Zeit hat sich der Schädling rasend schnell ausgebreitet und in Obstplantagen (Kirsche, Pflaume, Holunder über Beerenfrüchte, Aprikose, Birne) bereits schon in diesem Jahr europaweit enorme Schäden verursacht. Auch wenn die Kirschessigfliege Obstfrüchte vorzieht, so war der Weinbau dieses Jahr bedeutend stärker und flächendeckender betroffen.

An der Luxemburger Mosel wurde die Kirschessigfliege zum ersten Mal am 9. September 2014 an der Rebsorte Pinotin festgestellt. Hier wurden zahlreiche gesunde Beeren gefunden, die nadelstichartig aufgepickt waren. Das Vorhandensein der Kirschessigfliege konnte eindeutig bestätigt werden. Ab diesem Datum häuften sich die Meldungen vom Befall der Mücke tagtäglich. Die KEF findet rote Früchte am attraktivsten. Deshalb sind im Weinbau vorerst rote, sowie früh reifende Sorten gefährdet.

Nachdem die Kirschessigfliege an der Luxemburger Mosel diagnostiziert worden war, hatte das Weinbauinstitut seine Beratung in Eile auf diesen neuen Schädling fokussiert. Zu diesem Zeitpunkt waren es nur noch 8 Tage bis zum Startschuss der Lese. Folglich wiesen die meisten Trauben bereits einen guten Reifezustand auf und die Winzer waren dementsprechend nervös. In seinen Newsletter-Mitteilungen bat das Weinbauinstitut alle Winzer ihre Rotweinanlagen und insbesondere die früh reifenden Sorten oft und genau auf den typischen nadelstichartigen Befall zu kontrollieren. Da die Kirschessigfliege sich vermehrt an Randgehölzen mit Brombeeren und Waldfrüchten aufhält, sollten die hier angrenzenden Rebanlagen noch intensiver kontrolliert werden.

 Biologie

 

Abbildung a: Weibchen der Kirschessigfliege mit sägeartigem Eiablageapparat (Quelle: Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau)

Das Weibchen der Kirschessigfliege ist mit speziellen sägeartigen Zähnen ausgerüstet (Abbildung a.). Mit Hilfe dieser legt sie bis zu 400 Eier durch sehr kleine Einstichstellen vorzugsweise an Rotweinsorten ab. Die große Gefahr der Kirschessigfliege besteht darin, dass sie ihre Eier nur in gesunde Beeren legt. Die Einstichstellen, in denen das Ei abgelegt wird, sind so klein, dass diese kaum zu erkennen sind. Wenn sich die Larven entwickeln, fangen sie an das Fruchtfleisch zu fressen.  Die Einstichstelle wird größer und es tritt Saft aus. Die Entwicklung der Larven ist in solchen Anlagen nach etwa 10 Tagen abgeschlossen. Nach der Verpuppung (Abbildung b.)  schlüpft die Fliege und beginnt bereits im Alter von 2 Tagen mit der Eiablage. Die betroffenen Beeren beginnen binnen weniger Tage zu faulen und bilden Eintrittspforten für heimische Fruchtfliegen und einen idealen Nährboden für Botrytis, Sekundärpilze und Essigbakterien.

Unsere heimische Essigfliege kann im Gegenteil keine intakte Beerenhaut durchbohren! Sie benötigt vorgeschädigte Beeren und ist eher eine Folgeerscheinung von bereits vorhandener Botrytis oder Beschädigungen durch Wespen und Vögel. Mit bloßem Auge können die beiden Fliegenarten relativ gut unterschieden werden. Die Männchen der Kirschessigfliege besitzen im Vergleich zur normalen Essigfliege zwei schwarze Punkte am Ende der Flügel (Abbildung c.).

 

Abbildung b: Verpuppung der Kirschessigfliege  (Foto: Robert Mannes)

 

Abbildung c: Männchen der Kirschessigfliege an der Rebsorte Pinotin (Foto: Robert Mannes)

Anfälligkeit der Rebsorten

Die Entwicklung der abgelegten KEF-Eier sowie deren Anzahl sind stark sortenabhängig. Aus den Meldungen von Winzer sowie aufgrund der durchgeführten Bonituren im Weinbauinstitut ließ sich eine Anfälligkeit je nach Sorte aufstellen. Auch wenn die Beeren von gesunden Pinot Noir Trauben vereinzelt angestochen wurden, so scheinen die meisten Eier der KEF, falls überhaupt welche abgelegt werden, bei dieser Rebsorte vorerst nicht überlebensfähig zu sein. Die Einstichstellen können aber u.U. zu einer Zunahme von Botrytis führen. Eine gute Ei- und Larvenentwicklung wurde hingegen bei den Sorten Frühburgunder, Pinotin und teilweise St. Laurent beobachtet. (Abbildung d.)  Wenn rote Sorten fehlen, können auch andere färbende Rebsorten wie z.B. Grauburgunder und Gewürztraminer manchmal angestochen werden (Abbildung e.). Da Randgehölze mit Brombeeren und Waldbeeren als Attraktionszentrum für die Fliege fungieren, sind in der Nähe gelegene Weinberge demnach einem besonders hohem Populationsdruck ausgesetzt. Weiße Sorten sind für die KEF für die Eiablage (noch) nicht interessant.

 

Abbildung d: Einstichstellen der Kirschessigfliege mit Larvenentwicklung bei der Rebsorte Pinotin (Foto: Robert Mannes)

 

Abbildung e: Einstichstellen der Kirschessigfliege ohne Larvenentwicklung bei der Rebsorte Pinot Gris (Foto:Daniel Molitor – CRP Gabriel Lippmann)

Die Attraktivität von färbenden Beeren für die Kirschessigfliege korreliert ebenfalls mit den Parametern Reifegrad, Dicke der Beerenhaut und pH-Wert. Hochreife Beeren mit niedriger Säure locken die Kirschessigfliege stärker an und die dünne Beerenhaut kann ohne Mühe durchstochen werden. Spätreifende Lagen an der Luxemburger Mosel waren demnach einem weniger hohen Risiko ausgesetzt, da sich zur Mitte der Traubenlese eine kühlere Witterung breitmachte und eine Abnahme der Mückenaktivität festgestellt wurde.

Schäden im Luxemburger Weinbau 2014

Das plötzliche massive Auftreten der Kirschessigfliege fiel zeitlich mit einer ungewöhnlich warmen und trockenen Septemberwitterung zusammen. Mitte des Monats wurden hochsommerliche Maximaltemperaturen von 26°C an der Wetterstation in Remich gemessen! Mit nur 15,0 L/m2 Niederschlag fiel in diesem Monat nur ein Viertel der Regenmenge des langjährigen Durchschnitts. Diese warme Witterung und die hohen Niederschlägen in den Monaten Juli und August führten zu vermehrtem Dickenwachstum der Beeren. Insbesondere bei den Rebsorten mit kompakter Traubenstruktur zerquetschten sich so die Beeren gegenseitig oder wurden von Wespen angefressen. Die Folge ist, dass durch den austretenden Traubensaft Essigfliegen angelockt wurden, die diese Beeren für ihre Eiablage nutzen. Allerdings handelte es sich bei diesen Essigfliegen nicht unbedingt nur um die KEF, sondern meistens um einheimische Essigmücken Drosophila melanogaster. Die normale Essigfliege bringt die Essigbakterien mit und überträgt sie bei der Eiablage in die offenen Wunden. Typisch für solche Anlagen sind der Essiggeruch und ausgehöhlte Beeren mit Maden im Innern. Dieser Essiggeruch wiederum zog die Kirchessigfliege an.  Die KEF war also trotz ihres Namens in den meisten Weinbergen nicht für die Essigfäule verantwortlich und nicht das Hauptproblem.

Bekämpfungsmaßnahmen

Die KEF bevorzugt ein feucht-warmes Milieu mit Schatten und kann hier besonders viele Eier ablegen. Deshalb wurde den Winzern empfohlen, rote sowie färbende Sorten in der Traubenzone ausreichend zu entblättern. Da die Essigfliegen sich tagsüber an der Begrünung in den Rebzeilen aufhält, sollte diese möglichst kurz gehalten werden.

In Luxemburg sind Insektizide zur Bekämpfung der Kirschessigfliege zugelassen. Da die Mittel jedoch sowohl nützlings- als auch bienenschädigend sind, hatte das Weinbauinstitut in seiner Beratungsstrategie einen Insektizideinsatz nur bedingt empfohlen. Betroffene Weinberge sollten vorzugsweise bei ausreichender physiologischer Reife frühzeitig geerntet werden. Auf diese Weise konnte das Risiko eines schnell eintretenden Befalls mit wirtschaftlichem Schaden minimiert werden. Bei bereits sichtbar fortschreitendem Befall wurde den Winzern komplett von einem Insektizideinsatz abgeraten, da hier die massiven Populationen von Fliegen nicht mehr gestoppt werden konnten. In solchen Fällen sollten die Winzer versuchen, das gesunde Traubenmaterial durch selektives Auslesen zu retten.

Was tun mit dem nicht mehr verwertbaren Traubenmaterial?

Nur intakte Beeren werden von der KEF besiedelt. Daher wurden den Betrieben geraten, nicht verwertbare Trauben vorzugsweise aus der Anlage zu entfernen und in einer Biogasanlage zu verarbeiten. War dies aus organisatorischen Gründen nicht möglich, sollten die Trauben auf den Boden geschnitten und umgehend nach dem Abernten der Anlage niedrig abgemulcht werden. Keinesfalls durften Trauben in einer Anlage belassen werden, da diese hohe Populationen von Kirschessigfliegen aufbauen konnten die anschließend die Situation beim Nachbar verschärften.

Ausblick 2015

Alles in allem ist das Luxemburger Weinbaugebiet 2014 noch mit einem blauen Auge davongekommen. Nach diesem ersten Befallsjahr bleibt abzuwarten, in welchem Maße die Kirschessigfliege nächstes Jahr auftreten wird. Ein frostiger Winter würde die Überlebensrate der überwinternden Fliegenpopulationen auf jeden Fall vorerst mal verringern. Bei der Rebsorte Pinot noir, die rund 10% vom gesamten Rebareal ausmacht, kam es glücklicherweise nicht zu wirtschaftlichem Schaden. Durch seinen überwiegenden Weißwein-Anteil zählt Luxemburg noch nicht zu den Risikogebieten. Wie in den Nachbarländern bedarf es aber auch in Luxemburg noch zusätzlicher Forschung, um das Verhalten und die Bekämpfungsmöglichkeiten der Fliege in unserem Weinbaugebiet besser kennenzulernen. Deshalb plant das Weinbauinstitut in Zusammenarbeit mit dem Centre de Recherche Gabriel Lippmann und der IBLA für 2015 ein Monitoring der Fliege über die gesamte Weinbauregion, sowie einen Applikationsversuch mit diversen, darunter auch ökologischen Präparaten oder Verfahren.

 

Serge Fischer, IVV