Berichterstatter-Wettbewerb von ALCOVIT:

Eseltherapie auf dem eigenen Hof

Unter der Betreuung von Professor Roger Braun haben insgesamt 7 LTA-Schüler/innen zum Teil hochkarätige Projektberichte geschrieben, die von ALCOVIT & Bâtiself mit interessanten Preisen belohnt wurden und die in den ALCOVIT-Ausgaben veröffentlicht werden.

Eine unabhängige Jury, unter der Leitung von ASTA-Direktor Léon Wietor, hat die verschiedenen Berichte beurteilt und eingestuft. Den dritten Preis, ein wertvolles, unverwüstliches Schweizer Offiziersmesser mit insgesamt 16 verschiedenen Funktionen erhielt Lynn Jemming aus Kahler für ihren interessanten Bericht mit dem Titel: „Eseltherapie auf dem eigenen Hof“.

 

 Lynn JEMMING, Kahler

Als Projekt habe ich das Thema der Eseltherapie gewählt, weil meine Motivation, unter anderem, darin bestand, Menschen zu helfen, die unter körperlichen, sozialen oder physischen Schwächen leiden. Das Ziel ist diesen Menschen zu helfen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken rsp. wieder aufzubauen mit der Unterstützung eines Tieres. Des Weiteren ist es meine Leidenschaft mit Tieren und Kindern zu arbeiten.

Auf meinem elterlichen Betrieb würde diesem Projekt nichts im Wege stehen, da die momentane Situation auf unserem Hof interessante Möglichkeiten bietet.

Um das Projekt, als Reittherapeut arbeiten zu können anzugehen, habe ich eine umfassende Informationssuche gemacht, eine Marktanalyse durchgeführt, mit Kunden und Anbietern gesprochen und dadurch wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Für wen würde eine Eseltherapie in Frage kommen ?

Eine wichtige Zielgruppe der Eseltherapie sind Kinder, die unter Konzentrationsstörungen leiden, die motorische Defizite aufweisen oder mangelnde Impuls-und Affektkontrolle besitzen. Die Eseltherapie führt bei den Betroffenen zur Steigerung des Selbstwertes, ein wichtiger Punkt zur Behebung der Störungen.

Warum der Esel ?

Der Esel ist ein überaus intelligentes Tier, das darüber nachdenkt was es macht oder was von ihm verlangt wird. Nimmt ein Esel eine „Gefahr“ wahr, drückt er dies auf seine eigene Art aus – meistens durch Blockade. Blockiert ein Esel, ist es unmöglich, ihn weiterzubewegen. Solange dieser Zweifel bei ihm besteht, wird er sich nicht einen Millimeter weiter bewegen. Dieses Verhalten wird im Allgemeinen als Starrsinn, Sturheit oder Dummheit bezeichnet.

Anders als beim Pferd, kann man einen Esel nicht zwingen, etwas zu tun was er nicht will. Genau dieser Charakterzug ist in der therapeutischen Arbeit nützlich.

Man muss also einen anderen Weg finden, ihn zu überzeugen, das zu tun was man von ihm verlangt. Um mit einem Esel zu kommunizieren, muss man Alternativen finden, wie z.B. eine andere Haltung ausprobieren, über die eigenen Reaktionen nachdenken, Vertrauen erwecken und somit Selbstvertrauen aufbauen. Der Patient muss das Vertrauen des Tieres gewinnen. Freundschaftliches Auftreten und ruhiger Umgang sind wertvolle Trümpfe, um diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Der Esel unterscheidet sich vom Pferd auch in vielerlei anderen Hinsichten. Er ist im Allgemeinen kleiner und ruhiger, bietet daher ängstlicheren Patienten mehr Sicherheit im Umgang und im Ausdruck von Gefühlen. Ein Esel genießt diese Gefühle, fördert sie auch beim Patienten durch seine großen, sanften Augen und sein plüschiges Fell. Seine Ruhe und Vertraulichkeit stellen sehr schnell gefühlsmäßige Bindungen zwischen ihm und dem Patienten her.

Esel haben eine extrem beruhigende Ausstrahlung. Selbst nervöse, aufgedrehte Menschen sind innerhalb kürzester Zeit absolut ruhig und ausgeglichen.

Wie bildet man einen Esel aus ?

Der Esel sollte viel Zeit bekommen, um das Vertrauen zu seinem Betreuer aufzubauen. Eine Faustregel besagt, dass ein Esel ungefähr ein Jahr braucht, um sein neues Zuhause zu verinnerlichen. Diese Zeit sollte man einem Therapie-Esel zugestehen. Esel haben eine hohe Lebenserwartung (ca. 35 Jahre) und dementsprechend auch eine lange Kindheit.

Der Esel sollte nicht mit Leckerlis verwöhnt oder gar aus der Hand gefüttert werden. Dadurch kann man ein sehr aufdringliches, sogar respektloses Tier bekommen, welches nach Händen und Jackentaschen grabscht. Dieses Benehmen könnte sogar gefährlich werden, falls der Esel nach Kinderhänden schnappt. Als Belohnung soll man dem Esel Anerkennung und Streicheleinheiten geben.

Ausbildung zum Reittherapeut / Weiterbildung

Die Berufsbezeichnung "Reittherapeut" ist nicht gesetzlich geschützt. Theoretisch könnte sich also jeder "Reittherapeut" nennen, ohne Berücksichtigung seiner Ausbildung. Jedoch gibt es zurzeit keine Möglichkeiten eine Ausbildung zum Reittherapeuten zu absolvieren. Eine Möglichkeit um sich weiter zu bilden wäre im belgischen Grenzgebiet in der Nähe von Burg-Reuland. Dieses Zentrum beschäftigt sich mit tiergestützter Therapie und bietet Weiterbildungsseminare an.

Wenn ich mir einen Lohnansatz von 2.000Ä/Monat festlege, was nur knapp über dem Mindestlohn liegt, während 300 Tagen arbeite, kann ich den Preis/Stunde selbst bestimmen. Bei niedrigerem Preis muss ich logischer Weise mehr Patienten betreuen.

Diese Zahlen zeigen, dass das Projekt umsetzbar wäre, vor allem da ich die Kosten auf fünf Therapie–Tiere berechnet habe, falls eine dementsprechende Nachfrage vorhanden wäre. Die Resultate aus der Umfrage haben aber gezeigt, dass ein Interesse an dieser Art von Therapie besteht. Sollte ich im Aufbau der Therapie überschüssige Zeit besitzen, könnte ich diese auch noch im elterlichen Betrieb einsetzen.

Schlussentscheidung

Meine größte Sorge bei diesem Projekt ist, wie ich es schaffen kann genügend Patienten in den ersten Jahren zu betreuen, um meine Kosten zu decken und mir einen Lohn zu erwirtschaften. Werbung und Kooperationen mit Schulen oder Psychologen, kosten zusätzlich Energie, Zeit und Geld. Diese Vorarbeit erscheint mir aber wesentlich damit das Projekt gelingen kann.

Außerdem muss ich am Anfang ganz viel Zeit einrechnen um meine eigene Ausbildung und die der Esel abzuschließen. Diese Vorgaben bewirken, dass ich das Projekt mit Vorsicht angehe. Ich möchte auf jeden Fall nach meinem Hochschulabschluss eine Ausbildung als Therapeut belegen, weil es eine optimale Lösung für unseren Betrieb wäre und ich meiner Leidenschaft mit Kindern und Tieren zu arbeiten nachgehen könnte.