SER-Buchstellentag 2017

Neue Wege für die Landwirtschaft

Vermehrt auftretende Niedrigpreisphasen auf den Agrarmärkten und ein hoher Kostendruck haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass viele Landwirte in der Spezialisation, also der Konzentration auf einen Betriebszweig, den besten Weg sahen, wettbewerbsfähig und kosteneffizient zu sein. Allerdings macht ein hoher Spezialisierungsgrad den Betrieb anfälliger gegenüber von Außeneffekten, auf die der Landwirt selbst keinen Einfluss hat: Preisschwankungen, Lebensmittelkrisen, Wetterextreme. Der Landwirt ist einem hohen Einkommensrisiko ausgesetzt.  

Ein anderer Weg für die Landwirtschaft kann die Diversifizierung sein, d.h. die Kombination verschiedener Einkommensquellen. Diversifizieren heißt einerseits, sich mit mehreren Standbeinen breiter aufzustellen, was hilft, Risiken abzufedern. Diversifizieren heißt aber auch, neue Wege zu gehen, Nischen zu nutzen, um näher am Verbraucher und dessen Wünschen nach regionalen Produkten zu sein. Mit den Fragen rund um Diversifizierung und der Vermarktung beschäftigte sich in diesem Jahr der 17. SER-Buchstellentag, der am 20. November im Centre Turelbaach in Anwesenheit von Landwirtschaftsminister Fernand Etgen stattfand. Unter dem Titel „Neue Wege für die Landwirtschaft – Vielfalt gewinnt!“ referierte die Vermarktungsexpertin, Dr. Marianne Altmann, Managing Director von CO CONCEPT.

Der Service d’économie rurale stellte in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der luxemburgischen Landwirtschaft einschließlich des Weinbaus für 2016 auf Grund des landwirtschaftlichen Testbetriebsnetzes vor. Daneben gab der SER an Hand einer Prognose einen Ausblick auf das wirtschaftliche Resultat des aktuellen Wirtschaftsjahres 2017.

Das Jahr 2016 muss wegen des 2015 angesetzten Preistiefs in der Milchwirtschaft sowie auch wegen der ungünstigen Wetterbedingungen mit Überschwemmungen im Sommer als äußerst schwierig beurteilt werden. Die ungünstige Marktlage hat zu einem Rückgang des Ordentlichen Ergebnisses (bereinigter Gewinn) von rund 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geführt. Das Ordentliche Ergebnis liegt somit 2016 auf rund 36.600 Euro je Unternehmen. Auf Grund der besseren Konjunktur in 2017 in allen Bereichen der Landwirtschaft, mit Ausnahme des Weinbaus, wird für das Wirtschaftsjahr 2017 ein Plus beim Ordentlichen Ergebnis von 35 Prozent prognostiziert.

Das Jahr 2016 bleibt als Jahr der Extreme mit den überaus feuchten Verhältnissen im Frühjahr und im Frühsommer, Rekordniederschlägen, die Ende Juli zu gewaltigen Überschwemmungen führten, und einem extrem trockenen Herbst in Erinnerung. Nach dem Trockenjahr 2015 sorgte das in der Landwirtschaft in Luxemburg für sehr schwierige Verhältnisse. Auch die Tiefpreisphase bei der Milch nahm 2016 kein Ende. 2015 konnte die Situation an Hand der Beihilfen für Notlagen sehr gut ausgeglichen werden. Dass diese Beihilfen in 2016 nicht mehr zur Verfügung standen, ist die Haupterklärung für den Einbruch des Ordentlichen Ergebnisses zwischen 2015 und 2016. Zudem hatten die Landwirte in Sachen Futterversorgung mit den Nachwehen des trockenen Jahres 2015 zu kämpfen.   

Das Jahr 2017 allerdings brachte die notwendige Kehrtwende auf dem Milchmarkt. Lag 2016 der durchschnittliche Milchpreis noch bei knappen 28 Cent, einschließlich der Mehrwertsteuer, so erreichte der Milchpreis 2017 im Durchschnitt 35 Cent. Auch im Rindfleisch- wie im Schweinesektor waren 2017 stabile Verhältnisse zu verzeichnen, wie der SER in Mertzig unterstrich. Die Getreidepreise hingegen setzten ihren Rückgang von 2016 auch in 2017 fort. Demzufolge wurden für 2017 mit einem Plus von 11 Prozent die höchsten Ertragssteigerungen in der Tierproduktion prognostiziert, was an den guten Preisen liegt, aber auch an einer erheblichen Steigerung der Milchproduktion: Die durchschnittliche Produktion der spezialisierten Milchbetriebe (OTE 45) konnte sich zwischen 2015 und 2016 von 536.000 auf 597.000 kg produzierte Milch steigern und überschritt 2017 die 600.000 kg-Hürde. Insgesamt stieg der durchschnittliche betriebliche Umsatz von 332.600 Euro in 2016 auf 348.500 Euro, d.h. um 5 Prozent.

Die Betriebsmittelpreise blieben in den letzten Jahren recht stabil, mit Ausnahme der Energiepreise, die in 2017 erneut gestiegen sind.

Der Direktor des SER Pierre Treinen.
Dr. Marianne Altmann

 

Ein Problem der luxemburgischen Landwirtschaft sind nach wie vor die hohen Festkosten. Die Abschreibungen sind zwischen 2010 und 2017 von rund 53.000 auf 66.500 Euro pro Unternehmen, d.h. um 25 % gestiegen. Rechnet man in der Prognose für das Jahr 2017 die Unterhaltskosten der betreffenden Anlagen und die Schuldzinsen hinzu, so erreicht man ein Niveau an Fixkosten, das 90.000 Euro je Unternehmen übersteigt. Hauptverantwortlich dafür ist die Entwicklung der Investitionen im Laufe der vergangenen Jahre. Die Abschreibungen sind Jahr um Jahr gestiegen, und auch die Zinskosten sind trotz des derzeitigen historischen Tiefstands der Zinsen weiterhin gewachsen. Diese Entwicklung hat sich mit dem Agrargesetz 2007 und dem Wegfallen der maximal förderungsfähigen Investitionsobergrenzen, ganz besonders auch vor dem Hintergrund des Auslaufens der Milchquotenregelung im Jahr 2015 beschleunigt. Da diese Festkosten die Entwicklung des landwirtschaftlichen Unternehmens langfristig und nachträglich beeinflussen, ist es wichtig, ausschließlich überlegte, wirtschaftliche und zukunftsorientierte Investitionen zu tätigen, nach dem Motto „Wer richtig wächst, der muss nicht weichen“! Interessant war ebenfalls ein Blick auf die erstaunlich breite Streuung des Ordentlichen Ergebnisses, was zeigt wie unterschiedlich die Ergebnisse innerhalb einer Betriebssparte sein können und inwiefern die Managementfähigkeiten des einzelnen Betriebsleiters einen Einfluss auf das Einkommen haben. 

Nach der Vorstellung der Buchführungsergebnisse und einer anschließenden Diskussion, sprach Dr. Marianne Altmann, Managing Director der Beratungsfirma Co Concept zum Thema: „Neue Wege für die Landwirtschaft – Vielfalt gewinnt!“. Die großen Herausforderungen, die auf unser Land und auch die Landwirtschaft zukommen, sind, so Dr. Altmann, der Klimawandel, Umwelt- und Ressourcenschutz, die agrarpolitischen Ziele sowie auch die wachsende Bevölkerung und somit der Bedarf an Wohnraum und Infrastruktur. Die Vermarktungsexpertin setzte die landwirtschaftliche Produktion ins Umfeld der gesamten Wertschöpfungskette – ein Aspekt, der ihrer Ansicht nach allzu oft vernachlässigt wird. Die Schwierigkeiten unserer Landwirtschaft in diesem Zusammenhang sind ihrer Auffassung nach die fehlende Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Markt durch problematische Standortbedingungen, nicht angemessene landwirtschaftliche Einkommen und Netto-Einkommen, die unterhalb der staatlichen Zuschüsse liegen, was sowohl für die konventionelle wie auch für die ökologische Schiene gilt. Zusätzliche Probleme sind die hohe Flächenkonkurrenz, hohe Pachtpreise, hohe Löhne und ein hoher Mechanisierungsgrad, was wiederum zu hohen Fixkosten führt. Die Hauptschwierigkeit allerdings liegt für Frau Dr. Altmann in einer unzureichenden Einbindung der Landwirtschaft in nationale Wertschöpfungsketten.

In diesem Zusammenhang rief die Rednerin die Landwirte dazu auf, „vom Kunden aus zu denken“. Wichtig sei es, die Chancen einer diversifizierten Landwirtschaft zu erkennen und die Produktion nicht unabhängig von der Wertschöpfungskette zu sehen. Nur so könne Wettbewerbsfähigkeit und letztendlich auch Nachhaltigkeit erzielt werden. Nachhaltigkeit hieße auch, nichts produzieren, was der Luxemburger Markt nicht brauche.

Nach einer angeregten Debatte bedankte sich Landwirtschaftsminister Fernand Etgen für das impulsgebende Referat und unterstrich die Bedeutung von Buchführung und Beratung. Er ging zudem auf die Unterstützungsmaßnahmen für die schwierigen Jahre 2015 und 2016 ein, u.a. auf die Liquiditätsbeihilfe, und schloss seine Ansprache mit der Zuversicht, die er auf Grund vielfältiger Chancen in den Agrarsektor habe. Zum Abschluss lud der neue Bürgermeister der Gemeinde Mertzig, Mike Poiré, die Anwesenden zu einem Ehrenwein ein.

 
Marc Fiedler, SER